Drei Zustände statt an oder aus
Lange galt: Nervensystem an oder Nervensystem aus, Stress oder Entspannung. Porges hat gezeigt, dass es dazwischen noch etwas gibt. Im ersten Zustand fühlst du dich sicher und verbunden, du kannst zuhören, dein Gesicht ist beweglich, deine Stimme moduliert. Im zweiten Zustand mobilisiert dein Körper: Kampf oder Flucht. Im dritten fährt er herunter, bis nichts mehr geht.
Diese drei Zustände sind hierarchisch. Der Körper probiert erst Verbindung, dann Mobilisierung, dann Erstarrung. Erstarrung ist also kein Charakterzug, sondern die letzte Option, wenn die anderen beiden nicht funktionieren.
Warum das im Streit alles erklärt
Ihr steht im selben Raum und seid in völlig verschiedenen Zuständen. Sie ist mobilisiert, redet schneller, sucht Kontakt über Druck. Er ist heruntergefahren, wird still, wirkt gleichgültig. Beide erleben dieselbe Szene als Beweis dafür, dass der andere nicht will.
In Wahrheit will keiner von beiden etwas. Zwei Nervensysteme machen, was sie gelernt haben.
Was die Theorie nicht ist
Die Polyvagal-Theorie ist in der Forschung nicht unumstritten, vor allem was einzelne anatomische Annahmen angeht. Als Landkarte für das, was Menschen unter Druck erleben, ist sie trotzdem eines der brauchbarsten Modelle, die es gibt. Sie erklärt Verhalten, ohne jemandem böse Absicht zu unterstellen.
