Amir Reichart

Polyvagal-Theorie

Auch: Polyvagaltheorie, Polyvagal Theory

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges beschreibt drei Zustände des autonomen Nervensystems: Sicherheit und Verbundenheit über den ventralen Vagus, Mobilisierung über den Sympathikus, Erstarrung über den dorsalen Vagus. Sie erklärt, warum Menschen unter Druck kämpfen, fliehen oder dichtmachen, ohne es zu wollen.

Drei Zustände statt an oder aus

Lange galt: Nervensystem an oder Nervensystem aus, Stress oder Entspannung. Porges hat gezeigt, dass es dazwischen noch etwas gibt. Im ersten Zustand fühlst du dich sicher und verbunden, du kannst zuhören, dein Gesicht ist beweglich, deine Stimme moduliert. Im zweiten Zustand mobilisiert dein Körper: Kampf oder Flucht. Im dritten fährt er herunter, bis nichts mehr geht.

Diese drei Zustände sind hierarchisch. Der Körper probiert erst Verbindung, dann Mobilisierung, dann Erstarrung. Erstarrung ist also kein Charakterzug, sondern die letzte Option, wenn die anderen beiden nicht funktionieren.

Warum das im Streit alles erklärt

Ihr steht im selben Raum und seid in völlig verschiedenen Zuständen. Sie ist mobilisiert, redet schneller, sucht Kontakt über Druck. Er ist heruntergefahren, wird still, wirkt gleichgültig. Beide erleben dieselbe Szene als Beweis dafür, dass der andere nicht will.

In Wahrheit will keiner von beiden etwas. Zwei Nervensysteme machen, was sie gelernt haben.

Was die Theorie nicht ist

Die Polyvagal-Theorie ist in der Forschung nicht unumstritten, vor allem was einzelne anatomische Annahmen angeht. Als Landkarte für das, was Menschen unter Druck erleben, ist sie trotzdem eines der brauchbarsten Modelle, die es gibt. Sie erklärt Verhalten, ohne jemandem böse Absicht zu unterstellen.

Häufige Fragen

Was besagt die Polyvagal-Theorie einfach erklärt?

Dass dein Nervensystem drei Grundzustände kennt und automatisch zwischen ihnen wechselt. Fühlst du dich sicher, bist du offen und ansprechbar. Nimmst du Gefahr wahr, mobilisiert dein Körper für Kampf oder Flucht. Wird es zu viel, fährt er herunter in Erstarrung. Du entscheidest das nicht bewusst, dein Körper entscheidet es für dich, in Sekundenbruchteilen.

Verwandte Begriffe

Dieser Eintrag dient der Orientierung und ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung. Bei anhaltender Belastung wende dich an eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis. Zurück zur Glossar-Übersicht.